Zwickauer Geschichtswerkstatt mit Schüler*innen zur Aufarbeitung des NSU gestartet


Vom 22.-24. Januar 2018 führten wir gemeinsam mit unseren Partnern eine Bildungsfahrt mit Schüler*innen aus vier Zwickauer Schulen zum Thema Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) durch. Begleitet wird die Geschichtswerkstatt vom Kulturbüro Sachsen, dem Alter Gasometer e. V., Zwickauer Demokratie Bündnis und Zwickauer Jugendbuffet. Die teilnehmenden Schulen sind das Käthe-Kollwitz-Gymnasium; die Fucikschule, das Gymnasium Alexander v. Humboldt Haus I Werdau, die Pestalozzischule Zwickau und das Peter-Breuer-Gymnasium.
Die Fahrt nach München stellte den Auftakt einer Geschichtswerkstatt zur Aufarbeitung der Taten des NSU dar. Weitere Bildungsfahrten sind geplant. Das Hauptaugenmerk wird auf der Erstellung einer Dokumentation über Zwickauer Orte, Ereignisse und Personen liegen, die mit dem NSU in Verbindung standen.

Austausch mit NSU Watch


Am ersten Abend trafen sich die Schüler*innen mit NSU Watch und bekamen aktuelle Informationen und Hintergründe zum NSU-Verfahren. Am nächsten Morgen besuchten wir mit den Schüler*innen ein Prozesstag im Münchner Oberlandesgericht.
An diesem Verhandlungstag stellte die Verteidigung des mit Beate Zschäpe Mitangeklagten Ralf Wohlleben einen neuerlichen Beweisantrag zur Herkunft der Tatwaffe Cesna, obwohl das Gericht das Beweisaufnahmeverfahren bereits seit letztem Jahr im Spätherbst geschlossen hatte. Das Interesse war so groß, dass die Besucher*innenplätze schnell besetzt waren.
Am Nachmittag waren die Schüler*innen dann zu Gast im Kurt Eisner e. V. und sprachen mit der Nebenklagevertreterin Rechtsanwältin Antonia von der Behrens und dem Referenten für Neonazismus und Strukturen/Ideologien der Ungleichwertigkeit Fritz Burschel von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dank dieser Gespräche konnten wir einen Eindruck davon gewinnen, warum sich der Prozess solange hinzieht, dabei aber viele zentrale Fragen nach wie vor nicht geklärt sind. So geht die Bundesanwaltschaft weiterhin von der "Trio-These" aus, obwohl nach Aussage der Nebenkläger vieles für ein deutschlandweites Netzwerk vieler Personen spricht, die teils noch nicht belangt wurden.

Besuch bei einem Prozesstag


Auf unserer Bildungsfahrt besuchten wir mit den Schüler*innen zwei Gedenkstätten für Opfer rechten Terrors. Zunächst waren wir an der Theresienwiese, wo sonst das Oktoberfest stattfindet. Das Attentat am 26. September 1980 am Haupteingang des Oktoberfests in München war ein Terroranschlag, bei dem 13 Menschen getötet und 211 verletzt wurden. Der Anschlag gilt als schwerster Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Es lassen sich gewissen Parallelen in der Aufarbeitung vom Oktoberfestattentat und NSU erkennen. Als Bombenleger wurde Gundolf Köhler ermittelt, der selbst bei dem Anschlag starb. Er war Anhänger der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann, die am 30. Januar 1980 verboten worden war. Ermittler schrieben 1982 abschließend, Köhler habe den Anschlag allein geplant, vorbereitet und ausgeführt. Dies wurde seitdem immer wieder bezweifelt. Eine mögliche Mittäterschaft rechtsextremer Gruppen erschien angesichts damaliger Zeugenaussagen naheliegend und wird seit 2008 durch neue Aktenfunde gestützt. Parallelen zur durch die Bundesanwaltschaft favorisierten Trio-These gegenüber eines bundesweiten Netzwerkes ist auch im NSU Prozess erkennbar.

Im Anschluss besuchten wir den Ort des Mordes an Theodoros Boulgarides. Er war das siebte Todesopfer der deutschlandweiten Mordserie an Migranten durch den NSU. Die Ermittlungsbehörden verdächtigten ihn, seine Familie und sein Umfeld monatelang krimineller Machenschaften. Aufgrund des Verfolgungsdrucks durch die deutschen Strafverfolgungsbehörden reiste die zu Unrecht beschuldigte Familie aus Deutschland aus. Erst nach der Selbstenttarnung des NSU Ende 2011 führten die Ermittlungen zu den mutmaßlich Verantwortlichen. Die Umstände des Mordes sind nur für die Bundesanwaltschaft ausreichend geklärt, für die Angehörigen und viele Prozessbeobachter bleiben viele Fragen offen.
Es waren drei intensive Tage und wir bedanken uns für die stets konzentrierte, wertschätzende und neugierige Arbeit der teilnehmenden Schüler*innen aus vier Zwickauer Schulen und ihren Begleiter*innen. Wir freuen uns auf den nächsten Werkstatttag in Zwickau!


Auch die Schüler*innen waren begeistern, von den vielen Informationen und Eindrücken, die sie gewinnen konnten:

„Liebe Leute,
Das war echt der Wahnsinn. Diese Reise wird mir so schnell nicht aus dem Kopf gehen. Danke für die inspirierenden Gespräche, die vielen "Ahhh"-Momente und vor allem für die Motivation, dass auch wir Großes schaffen können.
Ich freue mich auf eine weitere coole, souveräne und zielorientierte Zusammenarbeit.
Liebste Grüße,
A.“

„Auch von mir nochmal herzlichen Dank 😊 ich fand die Ereignisse unheimlich interessant und spannend. So viel lernt man selten innerhalb so kurzer Zeit.
Ich freue mich schon auf die weitere Arbeit innerhalb der Geschichtswerkstatt ☺
L.“

Viele Medienvertreterinnen und Medienvertreter kamen zudem auf uns zu und interessierten sich für unser Projekt. Es kam prompt zu Interviews. Hier können Sie mehr lesen:
http://www.sz-online.de/sachsen/-auf-den-spuren-des-nsu-jugendliche-starten-geschichtswerkstatt-3866094.html
https://www.freiepresse.de/LOKALES/ZWICKAU/ZWICKAU/Zwickauer-Jugendliche-auf-den-Spuren-des-NSU-artikel10110712.php