> „Housing First“ – Konzepte der Unterbringung von geflüchteten Menschen müssen überdacht werden



Am 12. März 2016 fand an der Uni Leipzig das Symposium „Das Wohnen lernen? Zur Unterbringungspraxis von Geflüchteten und Wege zum selbstbestimmten Wohnen“ statt, das vom Initiativkreis: Menschen.Würdig und dem Kulturbüro Sachsen e.V. veranstaltet wurde.
Im Fokus stand eine kritische Auseinandersetzung mit der lagerähnlichen Sammelunterbringung von Geflüchteten - die aktuell erneut als alternativlos dargestellt wird. Demgegenüber wurde das der Obdachlosenhilfe entlehnte US-amerikanische Konzept des „Housing first“ als Begleitung und Empowerment für Geflüchtete intensiv diskutiert, dem viele kreisfreie Städte und Landkreise in Sachsen mit dezentraler Unterbringung versuchen den Vorrang zu geben.

Mit sechs Eingangsvorträgen und in vier vertiefenden Workshops wurde das Thema bearbeitet.

Auf Bundesebene ist die Regelunterbringung von Geflüchteten in „Gemeinschafts-unterkünften“ bereits seit Anfang der 1980er Jahren festgeschrieben (aktuell: § 53 AsylG). Sie bleibt bis auf Ausnahmen im politischen wie auch sozialpädagogischen Diskurs in den Regelungen unangetastet. Allerdings überholt vieler Orten die Alltags- die Regelungspraxis.
Dabei bedeutet „Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften“ vor allem für die Betroffenen die Einschränkung der Selbstbestimmung in wesentlichen Lebensbereichen. Sie führt durch eine Art „Gettobildung“ zu Isolation und verhindert Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Diese gegenwärtige Praxis scheint sozialpolitisch der Wohnungslosenhilfe entlehnt, nach der sich Menschen erst „bewähren“ müssen ehe sie ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden beginnen können. Paradigmatisch dafür steht die so genannte Wohnfähigkeitsprüfung, mit der die „Wohnfähigkeit“ von Geflüchteten überprüft wird. Dabei sind die Prüfkriterien und ihre Anwendung nicht klar. In Potsdam beispielsweise wurde dieser Praxis durch ein Rechtsgutachten, das Verstöße gegen das Grundgesetz und das Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzt feststellte, Einhalt geboten. Auch in einigen Landkreisen und kreisfreien Städte Sachsens müssen Geflüchtete ein solches Prüfverfahren durchlaufen, bevor sie Wohnungen beziehen können.
Demgegenüber steht das Konzept des „Housing First“ das der US-amerikanische Psychologe Sam Tsemberis aus New York im Rahmen des Symposiums vorstellte. Das Konzept des „Housing First“ arbeitet in seinem Kern als begleitetes Empowerment für Geflüchtete. Geflüchtete würden sofort in Wohnungen ziehen, dieser Ansatz wird bereits in einigen Landkreisen und kreisfreien Städten Sachsens verfolgt, und die soziale Betreuung würde individuell und in Zusammenarbeit mit den Geflüchteten gestellt. „Housing First“ konnte sich in der Obdachlosen-Hilfe durchsetzen und wird inzwischen auch in Europa in anderen Bereichen sozialer Arbeit angeboten. Auch für das Wohnen Geflüchteter ist dieser Ansatz überlegenswert. Mit diesem Konzept werden die Menschen nicht entmündigt. Sie werden stark gemacht ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen, so lautete das Fazit der Veranstaltung.

Rund 150 Menschen, aus verschiedenen Tätigkeitsfeldern, u.a. der sozialen Arbeit und der Wissenschaft, nahmen an der Veranstaltung teil. Insgesamt wurde das Symposium sehr positiv aufgenommen. Die Gäste und Referent*innen waren erfreut darüber, dass das Thema Öffentlichkeit gefunden hat. Die neuen Impulse wollten alle mit „nach Hause“, bzw. zur Arbeitsstätte nehmen.

Darüber hinaus waren sich am Ende des langen, intensiven, arbeitsreichen Tages alle einig, dass es nicht bei dem eintägigen Symposium bleiben wird! Wir freuen uns bereits auf die Folgeveranstaltungen.

Das Symposium wurde unterstützt von der Amadeu-Antonio-Stiftung, Pro Asyl, der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, dem StudentInnenrat und den Fachschaftsräten Soziologie, Kulturwissenschaften und Politikwissenschaft der Universität Leipzig, Stadt für Alle Leipzig sowie Women in Exile & Friends, Berlin.

Die Vorträge können unter folgendem Link nachgehört und –gesehen werden:
http://www.menschen-wuerdig.org/symposium/video/